Loslassen lernen

Loslassen lernen

Loslassen bedeutet Veränderung – Bild: © Andreas Haertle – Fotolia.com

Der Tod eines geliebten Menschen, die Trennung vom Partner, unerfüllte Berufswünsche – es gibt viele Dinge im Leben, die uns nicht mehr loslassen oder vielmehr: von denen wir nicht loslassen können. Doch wie weit darf man in der Vergangenheit leben ohne die seelische Gesundheit zu beeinflussen? Wann ist loslassen lernen notwendig um in der Gegenwart zu bleiben und den Alltag bestreiten zu können? Viele Menschen haben Probleme mit dem Loslassen. Auf Dauer schädigen Gefühle wie Reue, Trauer, Wut und die mangelnde Akzeptanz von Tatsachen jedoch die körperliche und seelische Gesundheit. Im Folgenden werden die Ursachen der Angst vor dem Loslassen und Möglichkeiten für ein erfolgreiches Loslassen aufgezeigt.

Woran man merkt, dass man nicht loslässt

Viele Personen merken oft erst gar nicht, dass sie in einer bestimmten Situation oder Gefühlslage verharren, Gedankengänge immer von neuem hervor holen und so langsam den Kontakt zur Gegenwart verlieren. Oft müssen sie von Freunden darauf aufmerksam gemacht werden, dass es Zeit ist weiterzuziehen, dass sie das Loslassen lernen müssen. Verschiedene Symptome können ein Zeichen dafür sein, dass der Tod eines geliebten Menschen, eine Trennung oder andere traurige Ereignisse, Schuldgefühle oder unerfüllte Sehnsüchte nicht verarbeitet worden sind. Auch das Verharren in einer unangenehmen Situation, einer unglücklichen Beziehung oder einem unerfüllten Arbeitsplatz, ist ein Zeichen von nicht loslassen können.

Wenn Symptome wie ständige Anspannung, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Depression, Panikattacken, das Abgleiten in eine Sucht oder ständiges Gedankenkreisen auch lange Zeit nach bestimmten Erlebnissen beobachtbar sind, ist das häufig ein Zeichen dafür, dass wir unbewusst an etwas nagen. Manche Menschen sind sich ihrer Lage auch bewusst, holen unangenehme Gefühle stets wieder hervor, weil sie nicht abschließen können – oder wollen. Spätestens, wenn nicht nur die seelische Gesundheit, sondern auch die körperliche unter den ständigen negativen Gefühlen leidet, ist es jedoch Zeit das Trauma zu bearbeiten.

Warum man nicht loslässt

Jeder Mensch hat andere, individuelle Gründe, warum er ein Ereignis, einen Fehler in der Vergangenheit oder bestimmte Gedanken nicht loslassen kann. Grundsätzlich haben aber alle Menschen ein elementares Gefühl gemeinsam: Angst. Diese Angst lähmt uns, lässt uns in unangenehmen Situationen verharren, weil loslassen lernen auch bedeutet von vorne zu beginnen. Der einfachere Weg ist oft der Bekannte, daher wählen ihn viele Menschen aus Angst vor dem Unbekannten.

Häufig sind auch Schuldgefühle der Grund dafür, dass jemand nicht loslassen kann – zum Beispiel, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist und die Verbliebenen Angst haben ihr Loslassen würde bedeuten diesen Menschen zu vergessen. Es gibt viele einzelne Gründe, warum ein Mensch nicht loslassen kann, Hauptauslöser ist jedoch meistens die Angst, die es zu überwinden gilt.

Loslassen lernen

Loslassen kann gelernt werden, denn es ist reine Kopfsache. Da der Mensch ein Gewohnheitstier ist und auch prägende Erfahrungen in der Kindheit – die Scheidung der Eltern zum Beispiel – die Angst vor Trennung und Unbekanntem schüren können, gehört zum loslassen lernen jedoch auch viel Geduld. Wenn man es jedoch schafft, auf einen inneren Leidensdruck zu reagieren und die Angst vor einem Neustart überwindet, kann eine seelische Gesundheit wieder hergestellt werden.

Um das Loslassen zu lernen, sollte man sich zunächst ein paar grundlegende Dinge bewusst machen:

  • Wir können bestimmte Ereignisse und die Gefühle anderer Menschen nicht beeinflussen
  • Wir können uns Fehler erlauben – das macht uns nicht zu einem schlechteren Menschen
  • Wir verdienen es gut behandelt zu werden
  • Wenn wir verzeihen, helfen wir damit auch uns selbst
  • Loslassen bedeutet nicht aufgeben, sondern einen Neuanfang wagen

Auch wenn diese Aussagen rational verarbeitet werden können, ist es oft schwierig danach zu handeln. Mit Geduld und auch etwas Übung können sie jedoch nach einer Zeit verinnerlicht werden. Wichtig ist zunächst, sich ständig wiederholende, kontraproduktive Gedankengänge zu unterbrechen. Ein inneres Stopp sollte trainiert werden, entweder indem man sich obige Aussagen vor Augen führt, laut vorliest oder aber Ablenkung sucht: Eine Runde Joggen oder Schwimmen, ein beruhigendes Musikstück anhören, ein Buch lesen, kochen – je nachdem, welche Tätigkeit einen auf andere Gedanken bringt.

Auch rationale Pro-/Kontra-Listen können helfen, eine Situation wieder realistisch einzuschätzen. Wenn man sich ehrlich vor Augen führt, welche Vor- und welche Nachteile das Loslassen einer Situation mit sich bringt, stellt man sich der Angst und merkt vielleicht auch, dass diese unbegründet ist.

Den Weg loszulassen muss man nicht allein gehen. Wenn man sich mit Menschen umgibt, die einem gut tun und die vielleicht selbst schon ähnliche Erfahrungen gemacht haben, fällt der Prozess leichter. Außerdem sollte man gütig mit sich selbst sein: Loslassen lernen bedeutet zunächst auch Trauer und Unsicherheit – ist der Weg jedoch gegangen wird man erleichtert sein.


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3 Kommentare zu Loslassen lernen

  1. Jessica Peterka-Bonetta 28. Februar 2013 at 22:08 #

    Ergänzend zu dem, was im Artikel als Strategie genannt wird, möchte ich noch gerne meine Beobachtungen loswerden.
    Ich habe, sowohl bei meinen eigenen Schicksalsschlägen, als auch anderen Menschen beobachten können, dass eine Strategie besonders gut bei der Bearbeitung von schwierigen Lebensereignissen funktioniert. Ich habe es als extrem hilfreich empfunden, das Positive am schlimmen Ereignis zu suchen (nicht sofort danach, aber als etwas Zeit verstrichen war). Wofür war die Krankheit gut? Welche positiven Nebenwirkungen hat die Scheidung der Eltern rückblickend gehabt? Bis hin zu “Was hat mir der Tod von dem mir nahe stehenden Menschen gebracht?”. Mir hat es geholfen, das Erlebte im Nachhinein im Hinblick auf diese positiven Aspekte neu wahrzunehmen und zu bewerten.

  2. Diana 1. März 2013 at 12:27 #

    Ich finde es ungeheurer schwierig einen Gedankenstop zu erzwingen. Gerade abends kurz vor dem Einschlafen fange ich meistens an nachzudenken und leider sind dabei auch immer wieder Gedanken, die sich wiederholen. Ich versuche dann immer an etwas anderes zu denken oder mich abzulenken, aber es fällt mir sehr schwer. Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese negativen Gedanken einfach stärker sind als die positiven.

  3. Eva 28. Juli 2014 at 21:24 #

    @Diana und zum Thema Gedankenstopp “erzwingen”:

    Ich habe mich ein wenig mit Buddhismus beschäftigt und glaube daher, dass “erzwingen” und unterdrücken nicht hilft. Im Gegenteil: alles, was man unterdrückt oder “gewaltsam” zu stoppen versucht, gewinnt an Gewicht und Präsenz. So ähnlich wie: “Denke jetzt bitte nicht an einen rosa Elefanten…”. Und? Woran denkst Du? ;-)

    Was tatsächlich sehr wohl hilft, ist, sich das eigene Verhalten (oder seine eigenen Gedanken) einfach anzuschauen, sich quasi wie sein eigener Beobachter neben sich hinzustellen und sich von außen zu betrachten. Sich dabei nicht zu verurteilen, das eigene Verhalten nicht zu bewerten, vor allem aber nicht zu verurteilen. Einfach beobachten. Zuschauen und zB sagen: aha, da sind sie also wieder, diese Gedanken.

    Irgendwann verschwinden Gedanken / Verhaltensweisen von selbst, weil sie an Bedeutung verlieren und Lerneffekte und Erkenntnisse eintreten.

    Vor Kurzem habe ich einen sehr interessanten, noch deutlich über “den Beobachter” des Buddhismus hinausgehenden Ansatz in einem Buch von Osho zum Tantrismus gefunden.
    Dort wird davon ausgegangen, dass der Weg zur Spiritualität und zur Erkenntnis (und damit Letztendlich zum Loslassen von allem Irdischen, was auch immer es im Speziellen ist) nur über das totale Eintauchen ins und Erfahren des Lebens funktioniert. Wichtig hier ganz besonders: kein Gefühl oder kein Verhalten ist an sich “schlecht” oder “böse” etc. Tauche voll darin ein, durchlebe es total, und dann wird es sich über Kurz oder Lang erledigt haben.

    Ich habe dieses Prinzip (ungewollt ;-)) in den letzten Jahren mit zwei Themen 100% erfolgreich “getestet”.

    1. Mein Ex: ich weiß nicht wie oft ich die Beziehung nochmal und nochmal (und nochmal und nochmal…) aufgewärmt habe, weil ich einfach nicht loslassen konnte, weil ich nicht wahr haben wollte, dass das niemals funktionieren würde und ich mich an den Strohhalm der Erinnerung an die erste wunderbare Zeit geklammert habe. Ich habe das so oft praktiziert, bis es mich derartig UNBESCHREIBLICH gelangweilt hat, dass mir fast schlecht geworden ist, und das Thema damit zum Schluss mit einem Schlag erledigt war.

    2. Mein ehemaliger Job: nachdem ich gekündigt hatte bin ich im Nachhinein draufgekommen, dass mein alter Job im Vergleich zu anderen Jobs doch nicht sooo schlecht war und habe nun 2,5 Jahre lang mehrfach versucht, zurückzukehren, am liebsten wieder in die ganz gleiche Position in der gleichen Abteilung. Bis ich vor Kurzem realisiert habe: es ist ganz einfach vorbei. Aus. Ende. Gestorben. Es wird nie mehr so, wie es einmal war (oder wie ich es in meiner rosarot gefärbten Erinnerung hatte). Thema erledigt – und seit diesem Zeitpunkt erlebe ich wieder deutlich mehr Lebensfreude, weil ich mich nun endlich auf die Situation, wie sie eben gerade jetzt ist, einlassen kann.

    Beides war zwar vielleicht ein heftiger (teils durchaus auch schmerzhafter) Prozess und ich kann nicht behaupten, dass es emotional einfach war. Ich glaube aber auch, dass alles im Leben einfach seine Zeit braucht, auch das Loslassen. Wir versuchen immer gern, den Schmerz mit irgendeiner “Schmerztablette” zu unterdrücken, auszuschalten, schmerzhafte Prozesse so schnell wie möglich abzukürzen. Ich glaube nicht, dass das im Ergebnis eine hilfreiche Strategie ist. Ich glaube soetwas ist im Endeffekt ein Bumerang, der einen einholt, wenn man ihn vielleicht schon wieder fast vergessen hat.

    Die Grenze liegt allerdings sicher bei krankhaften/zwanghaften Gedanken/Verhaltensweisen, wo das Problem dann aber wohl woanders und deutlich tiefer liegt, als beim simplen Nicht-Loslassen-Können…

    Wünsche jedenfalls Euch allen da draußen ein buntes Leben mit vielen spannenden Erfahrungen! Mögen es überwiegend gute sein! :-)

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