Gefühle zeigen – woher kommt die Angst davor, und wie kann sie überwunden werden?

Gefühle zeigen

Bild: © contrastwerkstatt – Fotolia.com

Wie zeigt man Gefühle? Für gewöhnlich lernen wir dies in unserer frühen Kindheit – indem wir es uns von unseren Eltern oder anderen nahe stehenden Personen abschauen. Sie leben uns vor, wie man auf die Gefühle anderer Menschen reagiert und eigene Gefühle zeigt. Wenn Mama oder Papa uns beispielsweise trösten, so ahmen wir dieses Verhalten nach – an einem Kuscheltier oder einer Puppe. Durch enge Bezugspersonen in unserer Kindheit lernen wir, wie man Nähe zeigt und Zuneigung ausdrückt.

Viele Menschen tun sich sehr schwer damit, ihre Gefühle zuzulassen, geschweige denn, über ihre Gefühle zu sprechen oder diese zu zeigen. Dabei ist es sehr wichtig, Gefühle zu artikulieren und zu zeigen – und das gilt sowohl für das Berufs- als auch für das Privatleben. Wer immer nur „cool“ und unnahbar tut, wirkt auf andere leicht kalt und wie eine gefühllose Maschine. Persönliche und berufliche Beziehungen können wir nur aufbauen, wenn wir bereit sind, Gefühle zu zeigen.

Warum das Zeigen von Gefühlen bei manchen Menschen mit so vielen Ängsten verbunden ist und wie diese überwunden werden können – dieser Artikel erklärt es.

Warum haben so viele Menschen Angst, ihre Gefühle zu zeigen?

Immer weniger Menschen trauen sich, ihre Gefühle zu zeigen; und das gilt besonders, wenn es sich – vermeintlich – um Gefühle der Schwäche handelt. Zunächst einmal ist hierzu festzustellen, dass das Verbergen von Gefühlen in erster Linie eines ist – Selbstschutz. Wer blamiert sich schon gern im Freundeskreis, indem er zugibt, dass er Angst hat, die steile Skipiste hinunterzufahren? Oder wer wirkt auf andere gerne „uncool“, indem er gesteht, dass die Trennung vom Partner oder der Partnerin ganz heftigen Liebeskummer auslöst? Zu groß ist die Angst, als Weichei oder Heulsuse angesehen und ausgelacht zu werden.

Die Folge ist, dass Gefühlsäußerungen vermieden werden. Man lässt sich nach außen nichts anmerken und schützt sich so vor Spott und Ablehnung. Und jedesmal, wenn wir in unserem Umfeld Ablehnung oder Spott erfahren, igeln wir uns etwas mehr ein, verschließen unsere Gefühle noch tiefer und haben irgendwann gar keinen Mut mehr, unsere Emotionen zu zeigen und zu äußern. Früher oder später führt dies zu Vereinsamung und Isolation und dazu, dass andere uns für kalt, unnahbar und womöglich sogar für arrogant halten.

Auch die Angst, Gefühle zu zeigen, entsteht in der Regel in der Kindheit. Nämlich dann, wenn Eltern oder andere Bezugspersonen durch Anerkennung, Missachtung oder gar Bestrafung vermitteln, welche Gefühle richtig sind und geäußert werden dürfen und welche nicht. Ein Kind, dem immer wieder demonstriert wurde, dass es falsch ist, z.B. bei Trauer, Wut oder Schmerzen zu weinen, oder womöglich sogar dafür bestraft wurde, wird sich als Erwachsener mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr schwer tun, Emotionen nach außen zu lassen und zu artikulieren. Ein Kind, das als Heulsuse ausgelacht oder als überempfindlich belächelt wurde, wird seine negativen Gefühle im Erwachsenenalter sicher sehr gut verbergen.

Aber auch noch im Jugend- und jungen Erwachsenenalter werden aufgrund negativer Erfahrungen viele Menschen dazu gebracht, „dichtzumachen“, keine Gefühle mehr zuzulassen und schon gar nicht zu zeigen. Der Hauptgrund dafür ist, dass das Zeigen von Gefühlen das wahre Wesen eines Menschen offenbart. Und dafür haben viele mehr Angst als vor allem anderen.

Dabei ist die Fähigkeit, Emotionen zeigen zu können, enorm wichtig für ein Zusammenleben. Denn wie sollen andere auf uns eingehen, auf unsere Bedürfnisse reagieren können, wenn sie unsere Gefühle nicht kennen, weil wir uns einfach weigern, sie zu äußern? Es kostet zudem eine Menge Energie, wenn man sich immer wieder selbst kontrollieren muss, um nur ja nichts von sich preiszugeben. Wer das tut, blockiert sich selbst und blockiert durch seine Angst jede Art von Beziehung zu anderen Menschen.

Gefühle zeigen – wie kann man es lernen?

Wenn wir lernen wollen, (mehr) Gefühle zu zeigen, müssen wir zunächst bei unserer Person und unsere Einstellung zu uns selbst beginnen. Denn: Wir haben nur Angst, für das Zeigen von Gefühlen abgelehnt zu werden, wenn wir uns selbst dafür ablehnen! Um beim Beispiel des weiter oben erwähnten Liebeskummers zu bleiben: Wenn wir uns selbst für einen Schwächling oder ein Weichei halten, weil wir traurig über eine zu Ende gegangene Beziehung sind, geben wir der Angst Raum, dass auch andere negativ über diese Gefühle denken und uns dafür verspotten oder verachten.

Wie können wir aber diese Angst überwinden? Ganz einfach, indem wir sie zulassen. Indem wir uns zugestehen, Angst haben zu dürfen, Trauer empfinden zu dürfen, ohne ein Weichei zu sein und ohne uns diese Gefühle als Schwäche auszulegen.

Gefühle zeigen – so erlernen Sie es in vier Schritten

Das folgende 4-Schritte-Modell kann dabei helfen, die Angst vor dem Zeigen von Gefühlen loszulassen. Dies beginnt bei der Ergründung der Problematik. Infolgedessen können Gefühle entwickelt, erkannt und schließlich gezeigt und mitgeteilt werden.

Schritt 1 – Erkennen Sie die Gründe für Ihre Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen

Vielleicht sind Sie in einem Umfeld aufgewachsen, in der Gefühlsäußerungen nicht geschätzt oder sogar unterbunden wurden? Finden Sie die Ursachen für Ihr Unvermögen, Emotionen zuzulassen, heraus.

Denken Sie ebenso über Ereignisse in Ihrer Vergangenheit nach. Gab es vielleicht ein traumatisches Erlebnis, das Sie nie richtig verarbeitet haben? Auch lange zurückliegende Traumata können bewirken, dass es schwierig bis unmöglich wird, Gefühle zeigen zu können.

Schritt 2 – Gefühle entwickeln

Um Gefühle zeigen zu können, müssen erst einmal welche vorhanden sein. Wer sein Herz verschließt, nimmt seine Gefühle ja überhaupt nicht mehr wahr; und das bedeutet, die Emotionen müssen zunächst einmal wiedergefunden werden. Dazu müssen Sie zuerst einmal wissen, was für Gefühle es überhaupt gibt. Wir unterscheiden im Wesentlichen zwischen fünf Grundgefühlen, und diese sind:

  • Freude
  • Angst
  • Trauer
  • Scham
  • Wut

Und so funktioniert es: Erzeugen Sie bei allen Dingen, die Ihnen im Alltag widerfahren, eine Gefühlsreaktion – auch bei scheinbar noch so unbedeutenden. Welches Gefühl erzeugt beispielsweise Sonnenschein auf Ihrer Haut? Freude über die Wärme? Oder eher Angst vor einer Verbrennung? Welche Emotionen empfinden Sie auf Ihrem Arbeitsweg – wenn Sie an blühenden Blumen vorbei gehen oder wenn ein Auto Sie mit seinem Hupen erschreckt? Ein Hund kommt auf Sie zugesprungen – ist Ihr Gefühl Freude oder Angst?

Anderes Beispiel: Sie beobachten im Supermarkt, wie eine genervte Mutter ihr Kind anschreit. Welches Gefühl erzeugt diese Szene in Ihnen? Trauer, Angst oder Wut? Oder Folgendes: Sie kommen ins Büro, und Ihre Kollegin teilt Ihnen etwas Unangenehmes mit – z.B. dass Sie Lippenstift verschmiert oder einen Fleck auf der Kleidung haben. Was empfinden Sie? Scham über die – vermeintliche – Blamage? Wut über die Bloßstellung? Oder Dankbarkeit (= Freude), dass nur die Kollegin das Malheur bemerkt hat und nicht das gesamte Team? Gehen Sie so mit jedem Ihrer Erlebnisse vor.

Und machen Sie sich dabei Folgendes klar: Es ist Ihre Entscheidung, welches Gefühl Sie in welcher Situation empfinden und wie Sie reagieren möchten. Fühlen Sie in sich hinein! So werden Sie nach und nach ein Gespür dafür entwickeln, welche Emotionen Sie entwickeln und was Sie im Innern als richtig oder falsch, positiv oder negativ empfinden wollen.

Schritt 3 – die Gefühle erkennen und beschreiben

Wenn Sie Ihre Gefühle wieder zeigen und äußern möchten, ist der nächste Schritt, dass sie Ihre Emotionen erkennen und benennen können. Dazu gehen Sie wieder die fünf Grundgefühle – Freude, Angst, Scham, Trauer und Wut – durch und prüfen, welches davon Ihrer aktuellen Stimmungslage am nächsten kommt. Wenn Sie dies herausgefunden haben, artikulieren Sie Ihr Gefühl genau so, also:

  • „Ich bin traurig.“
  • „Ich bin wütend.“
  • „Ich freue mich.“
  • „Ich schäme mich.“
  • „Ich habe Angst.“

Als nächsten Schritt ergänzen Sie Ihre Aussage mit einer Begründung, wie beispielsweise:

  • „Ich bin wütend, weil ich den Zug verpasst habe.“
  • „Ich freue mich, weil mir der Kuchen so gut gelungen ist.“
  • „Ich bin traurig, weil meine Tochter heute wieder nicht angerufen hat.“

Wenn Sie dies eine Weile praktizieren, werden Sie bald feststellen, dass es sehr hilfreich ist, die aktuell empfundenen Emotionen zu artikulieren.

Schritt 4 – Gefühle zeigen und mitteilen

Wenn Sie in der Lage sind, ein Gefühl zu bestimmen, zu benennen und zu artikulieren, dann können Sie dieses Gefühl in einer lebendigen Interaktion mit Ihrer Umwelt auch nach außen zeigen. Und wenn es sich richtig für Sie anfühlt, dann können Sie Ihre Emotionen Ihrem Umfeld auch mitteilen.

Andere Menschen können nur richtig mit Ihnen kommunizieren und interagieren, wenn Sie ihnen Ihre Gefühle kommunizieren. Und dies geschieht zum Teil über die Körpersprache, zu einem großen Teil aber auch über die verbale Kommunikation, indem Sie Ihre Umwelt an Ihren Emotionen teilhaben lassen.

Wenn Sie sich ein aktives, lebendiges Leben wünschen, dann kann ich Sie nur dazu ermutigen, das Zeigen und Mitteilen von Gefühlen zu erlernen. Wenn Sie sich traurig fühlen, teilen Sie dies Ihrem Gegenüber mit! Das Gleiche gilt, wenn Sie Wut empfinden, weil jemand Ihre Grenzen überschritten hat. Teilen Sie ihm mit, dass Sie wütend sind! Und wenn Sie jemandem ein Kompliment machen möchten – dann tun Sie das!

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