Emotionale Taubheit

Eine emotionale Taubheit wird nur sehr selten als ein eigenständiges Krankheitsbild diagnostiziert, da sie meistens bei verschiedenen psychischen Erkrankungen als ein untergeordnetes Symptom in Erscheinung tritt. Menschen, die von emotionaler Taubheit betroffen sind, äußern in fast allen Fällen die Unfähigkeit, ihre Gefühlswelt richtig wahrnehmen zu können. Ob eine emotionale Taubheit geheilt werden kann oder nicht, richtet sich in erster Linie nach der Grunderkrankung. Bislang gibt es noch keine ausreichende Bestätigung für die Wirksamkeit von psychotherapeutischen und/oder medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten.

Was verstehen wir unter emotionaler Taubheit?

Der Begriff „Emotionale Taubheit“ bezeichnet die Unfähigkeit, die eigenen Emotionen angemessen wahrzunehmen, zu verarbeiten und auszudrücken. Dieser Zustand kann sowohl temporär als auch chronisch auftreten. In vielen Fällen wird der Mangel an Gefühlswahrnehmungen und –äußerungen durch starke bis übertriebene körperliche Reize kompensiert. Dies bedeutet nicht selten extreme Aktionen und Reaktionen, auf die das Umfeld des Betroffenen oft mit Befremden und Unverständnis reagiert. Die emotionale Störung kann zu Selbstentfremdung und sozialer Isolation führen, in schweren Fällen sogar zu einer Depersonalisation. Bei einer solchen werden die eigenen Gedanken und Gefühle als „fremdgesteuert“, also von der eigenen Identität losgelöst, empfunden.

Welche Symptome zeigen sich bei einer emotionalen Taubheit?

Wer unter einer emotionalen Taubheit leidet, nimmt die eigenen Emotionen nicht in vollem Umfang, sondern nur stark abgeschwächt war und fühlt sich in seinem Umfeld allein und fremd. Der Betroffene fühlt sich sprichwörtlich „wie erstarrt““ und zeigt ein deutlich vermindertes bis gar kein Interesse an sozialen Kontakten und Aktivitäten. Menschen, die an einer emotionalen Taubheit leiden, empfinden oft ein starkes Gefühl der inneren Leere, Freud- und Lustlosigkeit sowie eine wachsende Entfremdung gegenüber ihren Mitmenschen.

Gefährlich kann diese psychische Störung werden, wenn das Empfinden und Artikulieren von Emotionen und eine Verbindung zur Außenwelt nur noch durch starke körperliche Gefühle wie Schmerzen oder auch bestimmte Drogen oder Genussmittel erzeugt werden kann.

Einen Menschen, der emotional taub ist, erkennt man oft daran, dass derjenige seine Freizeitaktivitäten vernachlässigt und irgendwann ganz einstellt sowie am Rückgang sozialer Kontakte und Interaktionen. Bei fortschreitender emotionaler Taubheit ist es den Betroffenen zunehmend unmöglich, Verständnis und Empathie für die Gefühlswelt anderer aufzubringen und sich auf emotionale Bedürfnisse seiner Mitmenschen einzulassen. Im Umfeld stößt das scheinbar gefühllose Verhalten nicht selten auf Unverständnis oder gar auf Unwillen – was wiederum von den Betroffenen als Zurückweisung empfunden wird, worauf diese sich emotional noch weiter zurückziehen.

Gelingt es nicht, diesen Teufelskreis irgendwann zu durchbrechen, kommt es irgendwann zu einer kompletten emotionalen und sozialen Isolation bis hin zu einer dauerhaften inneren Leere und genereller Hoffnungslosigkeit. In schweren Fällen kann eine emotionale Taubheit in eine schwere Depression münden, worunter nicht nur die privaten Sozialkontakte leiden, sondern auch die Lern- und Leistungsfähigkeit in Alltag und Beruf.

Welche Ursachen hat eine emotionale Taubheit?

Fast immer ist eine emotionale Taubheit eine Begleiterscheinung einer anderen – meist psychischen – Erkrankung. In vielen Fällen handelt es sich bei der Grunderkrankung, die eine emotionale Taubheit mit sich bringt, um eine posttraumatische Belastungsstörung (PBT) oder eine Depression. Traumatische Erlebnisse, die eine PBT zur Folge haben, können u.a. sein:

  • Ein mit Lebensgefahr verbundenes Erlebnis, wie z.B. ein Brand oder eine Naturkatastrophe,
  • Misshandlungen oder Missbrauch in der Kindheit,
  • sowie ein Tötungsversuch oder eine Vergewaltigung.

Nach einem solchen traumatischen Erlebnis ist es oft der Betroffene selbst, der seine Gefühlswelt bewusst ausschaltet, um die bedrohliche Situation verarbeiten und im Alltag zurechtkommen zu können. Der selbst hervorgerufene Zustand der Gefühlskälte verhindert in solchen Fällen das Aufkommen von Panikattacken und Angstzuständen in Situationen, die an das Trauma erinnern. Auch eine länger anhaltende Depression führt sehr oft dazu, dass Gefühle nicht mehr zugelassen werden und eine emotionale Taubheit entsteht.

Es sind jedoch nicht ausschließlich psychische Störungen oder Erkrankungen verantwortlich für die beschriebene Gefühlskälte. Auch körperliche Beschwerden können hierfür die Ursache sein und zu denen zählen vor allem:

  • Schlafstörungen, besonders Schlafmangel
  • Stress
  • Prämenstruelles Syndrom (PMS)

Und nicht zuletzt können auch neurologische Erkrankungen wie z.B. die Multiple Sklerose eine emotionale Taubheit verursachen. In diesen Fällen spielen weniger psychosomatische Vorgänge als vielmehr funktionelle oder hormonelle Störungen von bestimmten Hirnarealen eine Rolle bei der Entstehung von emotionaler Taubheit.

Wie erfolgen Verlauf und Behandlung einer emotionalen Taubheit?

Wie bereits weiter oben erwähnt, handelt es sich bei der emotionalen Taubheit nicht um eine eigenständige Krankheit. Deshalb ist eine Diagnose oft nicht einfach, denn in vielen Fällen wird fälschlicherweise eine Depression oder eine Angststörung diagnostiziert, obwohl es sich in Wirklichkeit „nur“ um die Unterkategorie der emotionalen Taubheit handelt.

Die Tatsache, dass die Betroffenen sich über ihren Mangel an Emotionen selbst erst sehr spät bewusst werden, macht eine Diagnose und Behandlung auch nicht einfacher. Ein Arztbesuch ist angeraten, sobald eine Antriebs- und Freudlosigkeit gespürt wird, die längere Zeit anhält. Auch wenn das Interesse und die Teilnahme am sozialen Leben immer mehr nachlassen, sollten alle Alarmglocken schrillen und der Hausarzt oder ein Psychologe aufgesucht werden. In vielen Fällen werden Betroffene von Mitmenschen auf ihr auffallend verändertes Verhalten aufmerksam gemacht. Solche Hinweise sollten unbedingt ernst genommen werden!

Emotionale Taubheit wird per se bislang nicht als Krankheit anerkannt, deshalb behandelt eine Therapie vor allem die Grunderkrankung, die zu der Gefühlskälte geführt hat. Auch wenn sich einschlägige Methoden bislang nicht etablieren konnten, liegen momentan große Hoffnungen auf einer medikamentösen Behandlung mit Neuroleptika und Antidepressiva, mit deren Hilfe die Wahrnehmbarkeit der eigene Gefühle beeinflusst werden soll. Aber auch in der Psychotraumatologie gibt es Fortschritte in der Bekämpfung der emotionalen Taubheit zu verzeichnen. Mit Hilfe einer gezielten Verhaltenstherapie sollen die Betroffenen lernen, sich ohne Angst in ihrem Alltag zu bewegen und damit die bewusst herbeigeführte Einschränkung ihrer Emotionen überflüssig zu machen.

Was können Betroffene selbst tun?

Bei emotionaler Taubheit sind die Möglichkeiten zur Selbsthilfe stark eingeschränkt. Die Störung wird in den meisten Fällen auch und besonders von Partnern und Familienmitgliedern als Einschränkung wahrgenommen. Deshalb ist es von großer Bedeutung, dass die Angehörigen ausführlich über die Probleme des Betroffenen informiert werden. Nicht selten benötigen auch sie die Unterstützung eines Psychologen, um mit den Symptomen der emotionalen Taubheit richtig umgehen zu können.

Der Betroffene selbst hingegen ist in vielen Fällen gar nicht in der Lage, seine emotionale Situation zu erkennen und zu artikulieren. Hier ist von allen Beteiligten sehr viel Verständnis und Toleranz gefordert. Mit viel Vertrauen und einem starken Willen können gemeinsam Veränderungen und Fortschritte erreicht werden. Das wichtigste Ziel dabei ist die Vermeidung von Konflikten und eine Verbesserung des Zusammenlebens.

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