Verbitterung – vom Leben enttäuscht und unglücklich

Verbitterung

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Immer mehr Menschen sind von psychischen Problemen bis hin zu ernsthaften Erkrankungen betroffen. Diese haben die unterschiedlichsten Gesichter und die unterschiedlichsten Ursachen. Ein Krankheitsbild wurde erst vor relativ kurzer Zeit das erste Mal beschrieben, und zwar die Verbitterungsstörung. Wie der Name vermuten lässt, ist das entscheidende Merkmal dieses Krankheitsbildes eine tiefe Verbitterung des Betroffenen in Folge einer starken persönlichen Kränkung, einer seelischen Verletzung oder auch einer dauerhaften Erfolglosigkeit im beruflichen und/oder privaten Bereich. Häufigste Symptome einer Verbitterung sind Ängste, Depressionen, Aggressionen, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. In ganz schweren Fällen kann eine Verbitterung sogar zu Selbstmordgedanken führen.

Besonders gefährdet sind Menschen, die ihr Selbstwertgefühl in erster Linie aus ihrem Beruf schöpfen. Ein dauerhaftes Gefühl, nicht ausreichend erfolgreich zu sein oder eine lang angestrebte und letztendlich verweigerte Beförderung können Auslöser einer krankhaften Verbitterung sein. Aber auch andere Gründe wie eine Trennung oder der Verlust eines geliebten Angehörigen können Ursachen der Verbitterung sein. Viele Betroffene wollen nicht wahrhaben, dass sie ernsthaft seelisch verletzt oder psychisch erkrankt sind und verweigern Hilfe aus dem Umfeld oder auch eines Therapeuten.

Wie entsteht eine Verbitterung?

Das Krankheitsbild von Verbitterungszuständen, insbesondere der Posttraumatischen Verbitterungsstörung (Posttraumatic Embitterment Disorder, PTED) wurde vor noch nicht allzu langer Zeit definiert und benannt. Bis dahin wurden von einer Verbitterung Betroffene unspezifisch als Psychosomatiker, Depressive oder Angstpatienten bezeichnet. Oft sind verbitterte Menschen in einem rigiden Korsett aus Werten, Normen und Moralvorstellungen aufgewachsen. Die Betroffenen sind häufig mit Devisen wie „Jeder bekommt, was er verdient“, „Treue bis in den Tod“, oder „Leistung wird belohnt“ aufgewachsen.

Verbitterung entsteht sehr oft auch, wenn sich die Lebenssituation nach einer langen Zeit abrupt ohne eigenes Zutun und ohne Schuld ändert. Ein Beispiel: Eine Frau hat jung geheiratet und Kinder bekommen und dafür ihre eigene Karriere aufgegeben. Wenn Ihr Mann sie nach 20 oder 30 Jahren Ehe verlässt, kann es passieren, dass sie ihren kompletten Lebensentwurf in Frage stellt und keine Perspektive mehr sieht. Ergebnis ist nicht selten eine „verbitterte alte Frau“.

Anderes Beispiel: Ein treuer Angestellter, der sich jahrelang für die Firma aufgeopfert hat. Nach 30 Jahren wird er aber schuldlos entlassen und sieht ebenfalls mit einem Schlag sein gesamtes Lebenswerk zerstört. Eine Entlassung nach so vielen Jahren bedeutet wahrscheinlich auch, dass der Betroffene bereits in einem Alter ist, in dem eine berufliche Neuorientierung schwierig bis unmöglich ist. Auch hier kann es gut sein, dass am Ende ein verbitterter, vom Leben enttäuschter Mensch steht.

Verbitterung nach einer Trennung, nach einer beruflichen Enttäuschung oder Verbitterung im Alter gehören zu den häufigsten Formen dieser psychischen Störung. Besonders im Alter vereinsamen Menschen auch zunehmend. Kinder und Enkel wohnen weit weg, und Freundschaften zu pflegen wird mit zunehmendem Alter auch immer schwieriger. So kann eine Verbitterung auch durch Einsamkeit entstehen.

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Wie fühlt sich Verbitterung für den Betroffenen an?

Ein verbitterter Mensch ist immer ein zutiefst unglücklicher Mensch. Schwere Enttäuschungen und negative Geschehnisse haben den Betroffenen derart gekränkt, dass er sich nur noch in der Rolle des hilflosen Opfers sehen kann und nicht in der Lage ist, das Geschehene zu verarbeiten und zu akzeptieren. Er interpretiert seine Situation als eine Konsequenz der Kränkung oder Enttäuschung, fühlt sich vom Leben ungerecht behandelt und reagiert auf das auslösende Moment extrem emotional.

Nicht selten sieht ein verbitterter Mensch durch Kränkungen und negative Erfahrungen sein gesamtes bisheriges Lebenswerk in Frage gestellt. Er resigniert und entwickelt dabei oft Aggressionen und Zynismus. Gleichzeitig fühlt er sich hilflos und nicht in der Lage, etwas gegen seine Situation zu unternehmen. Er sucht die Schuld und die Schuldigen im Außen und ist in Selbstvorwürfen und Schuldzuweisungen gefangen. Verbitterte leiden oft an Depressionen, Phobien und Paranoia bis hin zu Verschwörungsphantasien. Gleichzeitig fühlen sich Betroffene innerlich leer, verdrängen die innere Leere jedoch durch immer aggressiveres Auftreten nach außen.

Nach außen hin gelten verbitterte Menschen als sozial schwer bis gar nicht verträglich. Sie gehen ihrem Umfeld als mal depressive, mal aggressive Dauernörgler auf die Nerven. Sie wirken selbstmitleidig und zynisch, ziehen alles ins Negative und schaffen es nicht selten, andere ebenfalls psychisch „runterzureißen“.

Körperliche Symptome einer Verbitterung ähneln denen einer Depression. Betroffene vernachlässigen ihr Äußeres und ihre Gesundheit. Viele werden abhängig von Alkohol oder Medikamenten und/oder legen stark an Gewicht zu. Damit steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.

„Normale“ Gefühle von Bitterkeit vs. Verbitterung als Krankheit

Kränkungen und seelische Verletzungen gehören zu normalen Lebenserfahrungen, die jedem irgendwann mal mehr, mal weniger begegnen. Die meisten Menschen können solche Erlebnisse gut verarbeiten. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten: Man kann offen mit der Situation umgehen, darüber reden, dem anderen signalisieren, dass man sich gekränkt fühlt. Oder die Situation wird ausgesessen. Der Mathelehrer, der es liebt, uns vor der Klasse lächerlich zu machen, wird früher oder später aus unserem Leben verschwinden. Der Ex, der uns verlassen hat, wird vielleicht schon bald durch einen neuen, liebevollen Partner ersetzt.

Wer sozusagen ein „dickes Fell“ hat, muss sich keine Sorgen machen, an einer krankhaften Verbitterung zu leiden. Solche Menschen lassen sich auch von schlimmen Beleidigungen und Kränkungen nicht aus der Bahn werfen, sondern konzentrieren sich stattdessen lieber auf das Postive in ihrem Leben. Bei vielen werden auch die seelischen Verletzungen durch positive Erfahrungen überdeckt. Um bei den oben erwähnten Beispielen zu bleiben: Auf den einen kränkenden Lehrer kommen zehn davon, die fair und gerecht sind. Oder: Auf einen Expartner, der uns hintergangen und verletzt hat, kommen zehn potentielle Kandidaten, die es ehrlich und gut mit uns meinen.

Wenn Menschen mit Kränkungen jedoch nicht umgehen können, sondern ständig um die negativen Erlebnisse kreisen und in Selbstmitleid und Schuldzuweisungen zu ertrinken drohen – dann sprechen wir von einer klinischen Verbitterung – einer psychischen Krankheit.

Verbitterungssyndrom – eine psychische Krankheit

Es ist noch kaum bekannt, dass eine Verbitterung sich tatsächlich zu einer schweren psychischen Erkrankung entwickeln kann. Psychologen sprechen sogar davon, dass eine Verbitterung für den Betroffenen schwerer zu ertragen und seelisch zerstörerischer als eine reine Angststörung oder eine Depression ist.

Menschen mit einer Verbitterunsstörung haben im Gegensatz zu Depressiven oder Angstpatienten das Problem, dass es ihnen so gut wie unmöglich ist, anderen, die sie tatsächlich oder vermeintlich gekränkt haben, zu vergeben. Darunter leiden die Betroffenen in der Regel am meisten, da Vergebung ja schließlich auch bedeutet, abzuschließen bzw. seelische Wunden zu heilen und zu verschließen. Somit wird der verbitterte Mensch immer mehr zum passiven Opfer, da er grundsätzlich anderen Menschen oder widrigen Umständen die Schuld an seinem Leiden gibt. Daraus resultiert eine lähmende Handlungsunfähigkeit, die es dem Verbitterten unmöglich macht, seine Situation zu verändern, da er in einer gewissen Weise abhängig von erlittenem Unrecht und Kränkungen geworden ist.

Verbitterte können zu tickenden Zeitbomben werden

Betroffene treiben sich selbst immer weiter in die selbstgewählte Isolation. Sie leben zunehmend in einer psychischen Hölle. Verbitterte denken oft 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche über ihre Probleme nach und verstricken sich immer weiter in Grübeleien darüber, wer die größte Schuld an ihrer Misere trägt. Dies bringt sie jedoch nicht im Geringsten weiter, sondern zieht sie im Gegenteil immer tiefer in den Strudel der Verzweiflung.

Glücklicherweise kommt es nur sehr selten vor, aber wenn es passiert, ist es eine Tragödie: Ein Selbstmord oder gar ein Amoklauf. Wenn ein verbitterter Mensch seinem Leben ein Ende setzt, passiert dies meist nicht, weil er tatsächlich nicht mehr leben will. Vielmehr steckt hier ein Rachegedanken dahinter, um es „denen zu zeigen“, wie etwa „Dann werden sie endlich sehen, wohin sie mich getrieben haben.“

Amokläufe sind fast immer das „Werk“ eines verbitterten Menschen, der nicht in der Lage war, seine Gefühle und seine Phantasien von Rache und Vergeltung zu kontrollieren und zu kanalisieren. Eine Mischung aus Ohnmacht, Trotz, Resignation und Wut kann im schlimmsten Fall in einer Katastrophe enden. Studien haben gezeigt, dass etwa jeder dritte Patient, der unter einem klinischen Verbitterungssyndrom leidet, konkrete Rachephantasien entwickelt, um die vermeintlich „Schuldigen“ zu bestrafen.

Was kann man gegen Verbitterung tun?

Es ist leider nicht einfach, einem Verbitterten zu helfen. Grund dafür ist die fehlende Einsicht in die Notwendigkeit einer Veränderung. Zum Vergleich: Viele Menschen, die beispielsweise an einer Depression oder Angststörung leiden, wollen ihre Situation verändern. Bei einem Verbitterten ist die Lage anders – er sieht die Ursache in seinen Problemen grundsätzlich in anderen Menschen, sieht nicht ein, dass er aktiv etwas verändern muss und steckt oft im Teufelskreis aus Schuldzuweisungen und Selbstmitleid fest.

Ein weiterer Punkt ist die Tatsache, dass Betroffene nach und nach ihre sozialen Kontakte verlieren. Die extreme Empfindlichkeit Verbitterter ist für deren Mitmenschen nur schwer zu ertragen. Denn wer will schon eine wie auch immer geartete Beziehung zu jemandem pflegen, der sich ständig in Nörgelei und Vorwürfen ergeht?

Deshalb ist es auch schwierig, Verbitterte zu therapieren. Zwar stehen sie unter einem enormen Leidensdruck, was ja eigentlich die Bereitschaft zu einer Therapie erhöht, andererseits fehlt die Einsicht, denn ein wesentliches Symptom einer Verbitterungsstörung ist ja die Unfähigkeit, etwas am eigenen „Schicksal“ ändern zu wollen.

Die Weisheitstherapie

Eine der wenigen Möglichkeiten, einem Verbitterten zu helfen, ist die sogenannte Weisheitstherapie. Bei dieser geht es darum, genau die Fähigkeiten zu entwickeln und zu stärken, die dem Betroffenen fehlen. Dazu gehören vor allem Empathie und Toleranz. Beides ist enorm hilfreich, um das Handeln anderer Menschen zu verstehen und zu akzeptieren. Ein erfahrener Therapeut erreicht dies beispielsweise mit Rollenspielen, bei denen der Patient die Perspektive wechselt. Um bei dem Beispiel des nach langer Zeit entlassenen Arbeitnehmers zu bleiben, kann man dem Patienten z.B. die Fragen stellen: „Wie hätten Sie gehandelt, wenn Sie der Andere, der „Böse“ wären – sprich, der Arbeitgeber? Was für Gründe gab es für die Entlassung?“ In fast allen Fällen wird sich herausstellen, dass eine solche Entscheidung überhaupt nichts mit dem Betroffenen zu tun hatte, sondern von ganz anderen Einflüssen abhängig war.

Der Patient nimmt in der Therapie die Position des „Bösewichts“ ein und lernt auf diese Weise, seine durch falsche und negative Gedanken und Phantasien entstandene Verbitterung zu bewältigen, indem er Schritt für Schritt erkennt, dass es keinen Schuldigen an seiner Situation gibt und er somit auch nicht das Opfer ist.

In einer Weisheitstherapie lernen verbitterte Menschen, dass Normen und Werte relativ sind, dass jeder Mensch immer wieder neue Entscheidungen treffen muss und dass es unzählige verschiedene Lebensentwürfe gibt. Hat es der Patient verinnerlicht, dass Unsicherheiten und Widersprüche zum Leben gehören und dass man unterschiedliche Lebensweisen und Perspektiven akzeptieren und tolerieren kann, hat er eine gute Chance, sich aus seinem psychischen Gefängnis zu befreien.

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