Was ist Verhaltenstherapie?

Verhaltenstherapie

Wie Verhaltenstherapie wirkt – Bild: © Photographee.eu – Fotolia.com

Die Verhaltenstherapie gehört zu den in der modernen Psychologie am häufigsten eingesetzten psychotherapeutischen Verfahren. In vielen Konfliktsituationen und bei den meisten psychischen Erkrankungen findet sie Anwendung. Grundlage der Verhaltenstherapie ist die moderne Lerntheorie, welche davon ausgeht, dass jedes Verhalten erlernt und ebenso wieder verlernt werden kann.

Wie eine Verhaltenstherapie funktioniert

Eine Verhaltenstherapie ist nichts anderes als eine „Hilfe zur Selbsthilfe“. Denn die Verhaltenstherapie geht davon aus, dass unsere Gedanken und unser Verhalten in zahlreichen Situationen und Erfahrungen erlernt sind. Wenn ein Mensch beispielsweise in bestimmten Lebensbereichen immer wieder Schwierigkeiten hat oder gar an einer psychischen Erkrankung wie Depressionen oder Angst leidet, so basieren diese Probleme laut der Verhaltenstherapie auf bestimmten „erlernten“ Gedanken, Reaktionen und Verhaltensweisen. Und genau hier setzt diese Therapie an! Denn sie geht davon aus, dass man etwas, was man gelernt hat, auch wieder verlernen kann.

Diese Therapie hilft den Betroffenen negative und destruktive Denkmuster und Verhaltensweisen Schritt für Schritt zu „verlernen“, um sie anschließend durch positive zu ersetzen. Der Ansatz der Verhaltenstherapie ist also im „Hier und Jetzt“. Im Gegensatz zu psychodynamischen Verfahren, wie beispielsweise der Psychoanalyse, sollen hier nicht unbedingt die Wurzeln der Krankheit erkannt werden, sondern es geht vielmehr darum, dem Patienten aufzuzeigen, warum er in der aktuellen Situation Probleme hat und wie er diese mit neu erlernten Denk- und Verhaltensmustern in den Griff bekommen kann. Bei dieser Therapieform setzt der Therapeut gezielte Verhaltensübungen, Rollenspiele und Entspannungstechniken ein.

Verhaltenstherapien sind u.a. sehr erfolgreich in der Behandlung von:

  • Angsterkrankungen
  • Depressionen
  • Panikattacken
  • Essstörungen wie Magersucht und Bulimie
  • Persönlichkeitsstörungen wie das Borderline-Syndrom
  • Psychosomatische Schmerzerkrankungen wie Migräne

Welche Arten der Verhaltenstherapie gibt es?

Die zwei wesentlichen Formen der Verhaltenstherapie sind die Konfrontationstherapie und die Kognitive Verhaltenstherapie.

Konfrontationstherapie

Eine Konfrontationstherapie findet vor allem Anwendung in der Behandlung von Panikattacken sowie Angst- und Zwangsstörungen. Angststörungen sind beispielsweise:

  • Soziale Phobie
  • Agoraphobie (Platzangst)
  • Klaustrophobie (Angst in kleinen beengten Räumen)
  • Zoophobie (Angst vor bestimmten Tieren, wie z.B. Spinnen oder Schlangen)
  • Akrophobie (Höhenangst)

Eine Zwangsstörung wiederum ist ein sich wiederholendes, zwanghaftes, völlig irrationales Verhalten, wie z.B. Waschzwang oder Kontrollzwang – also der unwiderstehliche Drang, mehrfach nachzuschauen, ob Wohnung oder Auto auch wirklich verschlossen und Bügeleisen oder Herdplatte tatsächlich ausgeschaltet sind.

Wie der Name vermuten lässt, wird der Patient bei dieser Therapieform mit seinen Ängsten und Zwängen konfrontiert. Das bedeutet, er wird Schritt für Schritt unter Anleitung des Therapeuten der angstauslösenden Situation ausgesetzt. So „gewöhnt“ der Betroffene sich nach und nach an die Situation und lernt, dass er von einer hohen Brücke nicht fallen und in einem Fahrstuhl nicht ersticken wird. Oder dass es überflüssig ist, zehnmal zu kontrollieren, ob das Auto immer noch abgeschlossen ist.

Nach einer erfolgreichen Konfrontationstherapie bewegen sich ehemalige Patienten völlig sicher und selbstbewusst durch große Menschenmengen und lassen sich ohne Schweißausbrüche einen Python um den Hals legen.

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)

Bei der Kognitiven Verhaltenstherapie (lat. cognoscere = erkennen/erfahren) geht es darum, dass der Patient negative Gedanken und Verhaltensweisen als solche erkennt und diese in positive umwandelt.

Hier ein Beispiel, wie unterschiedlich sich negative oder positive Gedanken auf Ihre Reaktion auswirken können. Sie grüßen beispielsweise einen Bekannten, den Sie in der Stadt treffen, dieser grüßt jedoch nicht zurück. Nun gibt es für Sie zwei Möglichkeiten, diese Situation wahrzunehmen und darauf zu reagieren:

Negative Bewertung der Situation: Er grüßt mich nicht, weil er mich nicht mag und mir aus dem Weg geht.

Negative Reaktion: Sie fühlen sich zurückgewiesen und verletzt und meiden diesen Menschen ab sofort.

Positive bzw. neutrale Bewertung der Situation: Er war mit seinen Gedanken woanders und hat Sie nicht bemerkt. Vielleicht, weil ihn etwas bedrückt?

Positive Reaktion: Möglicherweise kontaktieren Sie diesen Bekannten, um herauszufinden, ob er Probleme hat. Und dies kann Ihrer Bekanntschaft am Ende sogar ganz neue Impulse verleihen.

Und genau dies – das „Verlernen“ der negativen Reaktion und das „Erlernen“ einer positiven Reaktion auf ein und dasselbe Erlebnis vermittelt die kognitive Verhaltenstherapie.

Diese Therapieform findet Anwendung vor allem bei

  • Depressionen,
  • Suchterkrankungen oder
  • Essstörungen.

Depressiven Menschen kann es mit Hilfe dieser Therapie gelingen, die ständigen negativen Gedanken durch positive zu ersetzen. Menschen mit einer Essstörung haben oft ein völlig verzerrtes Bild von ihrem Körper – finden sich zu dick, selbst dann noch, wenn sie bereits gefährlich untergewichtig sind. Solchen Menschen kann mit einer KVT ebenfalls geholfen werden, ein rationales Körperbild zu entwickeln und zu einem gesunden Essverhalten zurückzufinden.

Für wen ist eine Verhaltenstherapie geeignet?

Verhaltenstherapien werden in erster Linie zur Behandlung von Angststörungen, Depressionen, Suchterkrankungen, Essstörungen und Zwangsstörungen angewendet. Aber auch körperliche Erkrankungen wie Rheuma, Migräne oder Tinnitus können mit dieser Therapie behandelt werden – meist mit dem Ergebnis, dass die Patienten mit den Symptomen und Schmerzen dieser Krankheiten besser zurechtkommen.

Ob man sich für eine Verhaltenstherapie oder eine andere Form der psychotherapeutischen Behandlung entscheidet, hängt davon ab, was das Ziel der Therapie ist. Will jemand eine genaue Untersuchung der Ursachen seiner Krankheit haben, dann ist die Verhaltenstherapie sicher nicht die richtige. Dann wäre wohl eher eine Psychoanalyse zu empfehlen. Die Verhaltenstherapie ist geeignet für jemanden, der im Hier und Jetzt seine Probleme lösen will und sich für die eigentlichen Gründe nur zweitrangig interessiert.

Ohne Eigeninitiative, Engagement und einen starken Willen nach Veränderung wird eine Verhaltenstherapie keinen Erfolg haben. Wichtig ist, dass der Patient aktiv mitarbeitet und nicht nur während, sondern auch zwischen den Therapiesitzungen an seinen Denkmustern und seinem Verhalten arbeitet. Dies ist jedoch nicht immer einfach – beispielsweise bei einer sehr schwer ausgeprägten Angsterkrankung oder Zwangsstörung. Manchmal entscheidet daher der Therapeut, zunächst mit Medikamenten die Symptome so weit zu lindern, um anschließend die Therapie einzuleiten.

Wie lange dauert eine Verhaltenstherapie?

Eine Verhaltenstherapie verläuft in mehreren Phasen, und das sind die folgenden:

Phase 1: Identifikation und Definition

In dieser Phase bauen Patient und Therapeut eine therapeutische Beziehung auf. Die Probleme werden identifiziert und definiert. Das Ziel der Behandlung wird formuliert, und ein individueller Behandlungsplan wird erstellt.

Phase 2: Analyse der problematischen Situationen

Therapeut und Patient besprechen die Situationen, die z.B. Ängste, ein verzerrtes Selbstbild oder negative Gedanken auslösen. Oft werden diese Situationen in Verhaltensübungen und Rollenspielen durchgespielt. Dadurch bekommt der Patient immer mehr Übung, mit diesen Situationen umzugehen. So werden Angstpatienten schrittweise mit dem Objekt Ihrer Ängste konfrontiert, Soziophobiker lernen, sich in Konfliktsituationen durchzusetzen und wieder in Interaktion mit ihrer Umwelt zu treten.

Phase 3: Erkennen der Probleme durch den Patienten

Der Patient erkennt im Laufe von Phase 2 immer mehr, dass seine Gedanken und Einstellungen zu seinen Ängsten oder seinem zwanghaften Verhalten keine unumstößliche Realität, sondern eher „hausgemachte“ Probleme sind. Er durchschaut den Automatismus seiner negativen, destruktiven Denkmuster. Er ist jetzt in der Lage zu lernen, diese negativen Denkstrukturen durch positive bzw. neutrale zu ersetzen.

Phase 4: Konfrontation mit dem Alltag

In dieser Phase werden die neu erlernten Denkmuster und Verhaltensweisen im Alltag erprobt. Zum Beispiel wird ein Patient mit Höhenangst über eine hohe Brücke geführt, oder ein Agoraphobiker übt das „Bad in der Menge“. Der Patient hat Selbstsicherheit aufgebaut und seine sozialen Fähigkeiten gestärkt.

Phase 5: Stabilisierung

Die fünfte Phase ist gleichzeitig die letzte. Die Therapie wird beendet, das Erlernte beibehalten und gefestigt. Zur Verhinderung eines Rückfalls wird ein Notfallplan erstellt, mit dessen Hilfe der ehemalige Patient die Anzeichen einer erneuten Panikattacke oder der Wiederholung einer zwanghaften Handlung rechtzeitig erkennen und dagegen ansteuern kann. Ziel dieser letzten Phase ist in erster Linie, den Erfolg der Therapie zu erhalten und weiter zu stabilisieren und Rückfällen vorzubeugen.

Eine Therapiesitzung dauert in der Regel 50 Minuten. Die Verhaltenstherapie im Ganzen dauert entweder 25 Sitzungen – dies ist die sogenannte Kurzzeitbehandlung – oder 45 Sitzungen. In schweren Fällen kann eine Therapie auch bis zu 60 Sitzungen dauern.

Worin unterscheidet sich eine Verhaltenstherapie von psychodynamischen Verfahren, wie der Analyse und der tiefenpsychologisch fundierten Therapie?

Neben der Verhaltenstherapie gibt es noch zwei andere psychotherapeutische Richtungen, welche als wissenschaftlich begründete Therapiemethoden anerkannt sind. Die Unterschiede dieser beiden Methoden zur Verhaltenstherapie werden im Folgenden beschrieben.

Analytische Psychotherapie (Psychoanalyse)

Die erste Form einer Psychotherapie war die Psychoanalye, ein psychodynamisches Verfahren, als dessen Begründer Sigmund Freud gilt. Im Gegensatz zur Verhaltenstherapie steht hier die Aufarbeitung verdrängter Traumata im Mittelpunkt. Eine solche Analyse dauert viel länger als eine Verhaltenstherapie, oft erstreckt sie sich über mehrere Jahre.

Die Verfechter der Psychoanalyse sind der Auffassung, dass Angst- und Suchtpatienten sich der wahren Ursache ihrer Probleme nicht bewusst sind und dass diese mit verdrängten Konflikten aus der Vergangenheit wie Gewalt oder Missbrauch im Zusammenhang stehen. Daher sieht ein Psychoanalytiker seine Aufgabe darin, diese verdrängten Probleme an die Oberfläche zu holen und damit eine Besserung bzw. Heilung der Krankheit herbeizuführen.

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP) hat sich aus der Psychoanalyse entwickelt. Auch in dieser Therapieform wird davon ausgegangen, dass die Ursachen für psychische Erkrankungen im Wesentlichen in verdrängten Konflikten aus der Vergangenheit zu finden sind. Gleichzeitig ist die TP – im Gegensatz zur Psychoanalyse – jedoch auch darauf ausgerichtet, an dem aus diesen Problemen resultierenden Fehlverhalten zu arbeiten.

Abgrenzung der Verhaltenstherapie von analytischer und tiefenpsychologischer Psychotherapie

Die Verhaltenstherapie dagegen geht davon aus, dass Verhaltensweisen erlernt worden sind, und dass es somit möglich ist, unerwünschte bzw. destruktive Verhaltensweisen wieder zu „verlernen“. Eine Verhaltenstherapie beschäftigt sich nur wenig mit der Vergangenheit, sondern setzt darauf, lösungsorientiert an den aktuellen Problemen zu arbeiten und diese zu bewältigen. Das soll nicht heißen, dass in einer Verhaltenstherapie die Vergangenheit des Patienten völlig ausgeblendet wird; der Fokus liegt jedoch in der Erkennung und Überwindung negativer Denkstrukturen und Verhaltensmuster im Hier und Jetzt. Der Betroffene soll sein Leben so bald wie möglich wieder ohne therapeutische Hilfe bewältigen.

Wo finde ich einen guten Therapeuten, und wie wird eine Therapie finanziert?

„Psychotherapeut“ ist eine gesetzlich geschützte Berufsbezeichnung. Nur Therapeuten mit einer Approbation zum Psychotherapeuten oder Ärzte mit einer entsprechenden Zusatzausbildung sind berechtigt, diese Berufsbezeichnung zu tragen. Verhaltenstherapeuten besitzen einen Fachkundenachweis in Verhaltenstherapie.

Für die Psychotherapeutensuche kann Webseite des Psychotherapie Informationsdienstes (PID) hilfreich sein.

Die Kosten für eine Verhaltenstherapie werden ebenso wie die für die Psychoanalyse oder die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Im Falle einer privaten Krankenversicherung ist die Übernahme der Kosten von der Art des Vertrages abhängig.

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